Wie funktioniert psychisches Gesundheitsmanagement?

Psychische Erkrankungen machen einen immer stärker steigenden Anteil Arbeitsunfähigkeitstagen in deutschen Unternehmen aus. Auch wenn die Zahl der Krankschreibungen aufgrund psychischer Erkrankungen mit knapp 5 Prozent vergleichsweise niedrig liegt, sind die durch solche Erkrankungen entstehenden Ausfälle, also die tatsächlichen Arbeitsunfähigkeitstage deutlich höher. 2013 lag die durchschnittliche Krankschreibungsdauer bei psychischen Erkrankungen bei fast 35 Tagen. In der Summe ist damit mehr als jeder siebte Arbeitsunfähigkeitstag in Deutschland auf eine psychische Erkrankung zurückzuführen. Der Leistungsausfall durch psychische Erkrankungen liegt damit an dritter Stelle hinter Muskel/Skelett- und  Atemwegserkrankungen.

Psychisches Gesundheitsmanagement setzt bei den Risikofaktoren für psychische Belastungen im Unternehmen an. Das sind zunächst einmal bestimmte Arbeitsbedingungen (Hitze, Kälte, Geräuschbelastung, etc.), aus denen sowohl psychische als auch körperliche Belastungen resultieren können. Darüber hinaus gibt es Faktoren, die ausschließlich psychisch belastend sind: Dazu zählen

  • hoher Druck bei besonders anspruchsvollen Aufgaben mit kritischer Relevanz für Unternehmensergebnisse
  • enge zeitliche Vorgaben, permanente Verfügbarkeit
  • unregelmäßige, häufig wechselnde oder unplanbare Arbeitszeiten
  • belastende interne Arbeitsorganisation und Prozesse
  • negatives Teamklima, schlechte Zusammenarbeit
  • Konflikte oder Kommunikationsprobleme  zwischen Kollegen und/oder mit Vorgesetzen
  • negative Führungskultur, Führungsschwächen oder belastendes Führungsverhalten
  • geringe (oder zu große) Entscheidungs- und Handlungsspielräume

Solche Faktoren allein machen selbstverständlich nicht schon grundsätzlich psychisch krank. Weitere Bedingungen kommen hinzu: Wie lange hält die Belastung bereits an? Gibt es Aussicht auf Veränderung? Wie hoch ist die individuelle Widerstandsfähigkeit der Betroffenen (Resillienz), deren psychische Dispositionen oder besondere persönliche Vorerfahrungen?

Für fundiertes und zielführendes psychisches Gesundheitsmanagement sind also zwei Aspekte wichtig: Die objektive Betrachtung der praktischen Arbeitssituation einerseits und die subjektiv empfundene Belastung der Betroffenen.

Zur Erhebung solcher Faktoren sind Arbeitsplatzbegehungen, Interviews von Führungskräften, Mitarbeitern oder Funktionsträgern im Unternehmen, schriftliche Befragungen (siehe auch: Psychische Gefährdungsbeurteilung), oder moderierte Arbeitsgruppen möglich. Ziel ist es, passende und wirklich effektive Maßnahmen, zugeschnitten auf die jeweilige konkrete Situation im Unternehmen festzulegen und damit mittel- und langfristig Kosten zu sparen. Die Wahl der Mittel für eine solche Analyse muss sich an der Größe und spezifischen Situation des Unternehmens und an der grundlegenden Zielsetzung orientieren. Das heißt insbesondere nur tatsächlich notwendige Informationen, diese in ausreichender Menge aber mit dem geringstmöglichen Aufwand zu erfassen.

Nach Analyse und Bewertung der Daten werden, falls notwendig, Entscheidungen für passende Maßnahmen getroffen und diese vorbereitend geplant.

Das könnten sein:

  • Fort und Weiterbildungen für Mitarbeiter und/oder Führungskräfte
  • Veränderungen in der Aufbauorganisation oder bestimmten Prozessen
  • Maßnahmen zu Verbesserung der Zusammenarbeit in Teams oder der gesamten Organisation (Teamentwicklungen, Workshops zu Kommunikation oder Prozessabläufen)
  • die Einrichtung von Gesundheitszirkeln oder ähnlicher Organe

aber auch Instrumentarien des „klassischen“ BGM, wie beispielsweise Bewegungsangebote, Ernährungsthemen, Aktivitäten zur Veränderung ergonomischer Arbeitsplatzbedingungen  und vieles mehr.

Psychisches Gesundheitsmanagement folgt also einen klassischen Regelkreis.
Für alle Maßnahmen sollte gelten, dass sie ein jeweils individuell definiertes Ziel verfolgen dessen Erreichung messbar ist. Die Zielerreichung muss in geregelten Abständen gemessen und bewertet werden. Durch Anpassungen und/oder grundlegende Veränderungen im Handlungsrahmen können Maßnahmen maximale Effizienz erzielen.

Ein strukturiertes Vorgehen im betrieblichen Gesundheitsmanagemant verläuft idealerweise entlang einer Projektlinie. In jeder Phase sind unterschiedlichste Umsetzungsmethoden möglich. Wichtig ist, die für das jeweilige Unternehmen angemessene und effektivste methodische Form zu wählen.

Grundsätzlich geht es im betrieblichen Gesundheitsmanagement darum, Gesundheit und Leistungsfähigkeit von Mitarbeitern im Unternehmen zu erhalten oder zu verbessern. Wichtig ist hierfür Einzelmaßnahmen sinnvoll und effektiv miteinander zu kombinieren und deren Wirkung auf die Mitarbeitergesundheit zu messen.

Projektphasen im BGM

Schritt 1:
Bestandsaufnahme durchführen

Zu Beginn eines sollte immer ein Überblick über bereits bestehende Maßnahmen, Strukturen und Prozesse geschaffen werden. Die Frage also: Was ist bereits vorhanden und wie funktioniert es?

Gemeint sind Aktivitäten wie

  • Betriebliches Eingliederungsmanagement (BEM)
  • Sozialbetreuung, Arbeitspsychologische Betreuung
  • Betriebsarzt, Werksarzt, Betriebsärztlicher Dienst
  • Mitarbeitergespräche / Feedbackgespräche
  • Mitarbeiterbefragungen
  • Firmenfitness-Angebot
  • Kantine
  • u.v.m.

Schritt 2:
Analyse

Für eine tiefergehende Analyse des Status Quo finden sich verschiedenste Instrumente:

  • BGM-Mitarbeiterbefragungen zu unterschiedlichen Gesundheitsfaktoren
  • Gefährdungsbeurteilungen/ Gefährdungsanalysen des Arbeitsplatzes
  • Gesundheitsberichte der Gesetzlichen Krankenversicherungen (GKVen)
  • Branchenspezifisches Benchmarking
  • Betriebliche Gesundheitszirkel
  • Mitarbeiterinterviews
  • Experteninterviews

 


Ein Einblick in verschiedene Analyseverfahren

BGM-Mitarbeiterbefragungen für Betriebliches Gesundheitsmanagement

Für gesundheitsspezifische Mitarbeiterbefragungen existieren verschiedene Tools und Handlungshilfen. Insbesondere solche der Bundesanstalt für Unfallschutz und Arbeitssicherheit:
Ein Überblick findet sich in 

  • Den BAUA-Handlungshilfen
  • Den BAUA-Screeningverfahren

Diese Verfahren fokussieren meist auf bestimmte Belastungskategorien und spezielle Arbeitsbedingungen, bilden aber die Wechselbeziehungen in Unternehmen und die verschiedenen Dimensionen von Gesundheit nicht vollständig ab. Ergänzende Verfahren sind also sinnvoll.

Gesundheitsberichte der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV) 

Kassen erstellen auf Anfrage anonymisierte Gesundheitsberichte. Sie können in der Regel im Turnus von 2 Jahren kostenlos abgerufen werden und geben dem Unternehmen einen groben Überblick zu Krankheitsursachen, -häufigkeit und -dauer.

Gefährdungsbeurteilungen

Rechtlichen Vorgaben verpflichten Unternehmen zur Durchführung und Dokumentation von Gefährdungsbeurteilungen. Diese Pflicht hat nicht zuletzt auch haftungsrechtliche Relevanz für Unternehmer. Sie kann aber zudem – richtig umgesetzt- zum nützlichen Zweck werden indem sie eine fundierte Erhebung von Informationen für das betriebliche Gesundheitsmanagement ermöglicht. Wichtig ist die, für die jeweilige Zielsetzung passende Methodik zu wählen. Analysen können in Form von Begehungen, Mitarbeiterbefragungen, Interviews etc. bestehen.
Ausrichtung ist immer, Ursachen für körperliche und psychische Belastungen zu identifizieren und anschließend geeignete Handlungen einzuleiten.

Gesundheitszirkel

Eine profunde und weit verbreitete Methodik zur Erhebung von Gesundheitsbelastungen sind sogenannte Gesundheitszirkel. Dabei werden in moderierten Gesprächsrunden mit Mitarbeitern, Führungskräften und ggf. Geschäftsführung und Betriebsrat Hintergründe und Zusammenhänge von gesundheitlichen Belastungen besprochen und Veränderungsansätze erarbeitet.  Die zwei klassischen Formen nach dem Berliner Modell und dem Düsseldorfer Modell unterscheiden sich in erster Linie durch ihre Zusammensetzung. 
In der Regel werden Gesundheitszirkel zu spezifischen Problemen und Gesundheitsbelastungen durchgeführt.

Schritt 3:
Auswertung der betrieblichen Gesundheitsanalysen

Die Ergebnisse der gewählten Analysen werden idealerweise in einem betriebsspezifischen Gesundheitsbericht ausgewertet und zusammengefasst. Er enthält Belastungsschwerpunkte, Risikofelder und eine Einschätzung der Auswirkungen. Von hier aus können Schwerpunkte für die Maßnahmenplanung in der Zukunft definiert werden.

Schritt4:
Maßnahmen planen

Hierzu ist die Durchführung von Zielfindungsworkshops, idealerweise mit Beteiligten des BGMs, z.B. den Teilnehmern des BGM-Steuerungskreises bzw. des Arbeitskreises "Gesundheit" sinnvoll

Es geht es darum, Gesundheitsziele zu definieren und eindeutig überprüfbare Kennzahlen zu bestimmen ohne die eine validierbare Steuerung nicht möglich ist.

Danach werden Handlungsfelder definiert. Wichtig ist dabei eine eindeutige, überschaubare und handhabbare Menge zu begrenzen.
Die gesammelten Handlungsvorschläge werden auf ihre Umsetzbarkeit hin geprüft, kalkuliert und in einem BGM-Maßnahmenplan zusammengefasst.


Bildquelle: Rainer Sturm / pixelio.de